Samstag, 27. August 2011

Times Of Mayhem

Die heiligen Flaggen der Gesellschaft brennen lichterloh. Die Gefängnisse platzen aus all ihren Nähten und der Abschaum unserer Menschheit ist frei. Lebensgefährliche Krawalle auf den Straßen, das Parlament ist in Schutt und Asche zerlegt. Die Tage, an denen wir uns sagen ließen, was wir fressen und dementsprechend wieder auszuscheißen hatten, sind nun endgültig Geschichte. Die Regierenden stehen konsterniert zwischen den heißen Flammen und der Präsident kaut verzweifelt aus reiner Resignation auf den Fingernägeln bis die Fingerkuppen bluten. Kinder der reichen Ärsche werden von meinen impassiblen Anhängern erschossen, meine Großmutter verprügelt ihren Altenpfleger mit dem Gehstock und stimmt eindeutig für die revolutionäre Haltung. Wir werden euch lehren, uns zu unterwerfen. Der Pantragismus tritt ein. Die Welt ist in einem fulminant solidarischen Zustand. Wir gewinnen, ihr verliert.

Lange genug wurden wir regelrecht psychologisch geklont und all diese Jahre ließen wir uns damit konsensuell in den Arsch ficken. Wir folgten euren Worten und fügten uns ohne jegliche Resistenz in euer Traumbild einer Gesellschaft ein. Rebellion war ein Fremdwort. Niemand traute sich je, den Schwanz rauszuziehen, doch das ist jetzt vorbei.
Autos brennen aus, Glas zerbricht, Steine fliegen, Menschen kreischen, Knochen brechen und Blut fließt.

Ich sitze auf einem Schutthaufen, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, und schaue nach unten. Die heißen Flammen, die im brennenden Auto vor mir knistern, wärmen meinen Körper. Es ist Winter und dicke Schneeschichten belagern die vom Chaos überfluteten Straßen. Da es an jeder Ecke brennt, ist es nicht allzu kalt. Ich schaue nach rechts zur großen Kreuzung und sehe einen brennenden Mann, der sich auf dem Boden wälzt und verzweifelt nach seiner Mutter ruft. Während der Mann seinem Schicksal ins Auge sieht, prügeln die Bullen mit ihren Schlagstöcken auf ihn ein. Plötzlich ertönt ein lautes dumpfes Krachen und ein blitzartiges Licht zwingt mich, meine Augen kurz zu schließen. Als ich wieder hinsehe, liegen die Polizisten auf dem Asphalt, der eine ist wohl tot. Der andere hält sich seinen Beinstumpf, aus dem das Blut nur so herausschießt, und schreit vor Schmerzen. Eine schwarzgekleidete Person kommt hinzu, sie ist gekleidet wie auch ich. Das Gesicht nicht erkennbar. Ich beobachte die Situation. Die Person steht vor dem beinlosen Polizisten und tritt ihm in aller Ruhe wuchtig auf den Stumpf. Der Bulle am Boden schreit laut. Der schwarzgekleidete Kerl klopft sich wie ein Affe auf die Brust und tanzt hin und her. Dann holt er etwas kleines Ovales aus der Jackentasche, zieht an etwas, und steckt ihm das kleine Teil in den Mund. Er entfernt sich und lacht. Ein paar Sekunden später ertönt das laute Krachen erneut. Handgranaten. Die Gewalt, die unsere Revolution begleitet, ist transzendent, doch so funktioniert es und wir rücken Schritt für Schritt näher an unser Ziel.
Der Präsident kommt hinter dem Schutthaufen hervorgekrochen, sein feiner Anzug ist durchlöchert und dreckig. Ich inhaliere den Qualm meiner Zigarette und genieße die letzten Atemzüge. Dann stehe ich auf, ich gestatte ihm seine letzten bettelnden Worte, dann durchdringt meine Kugel seinen Schädel und verteilt die Knochensplitter und Hirnbrocken über den Asphalt. Der erste Mord meines Lebens, es kommen leichte Zweifel auf, an der Sache, die ich tue. Wohl eher ist es die Art, wie alles begann, denn mir kommt die Frage auf, ob diese Gewalt wirklich nötig ist, wenn ich mir die Leiche vor meinen Füßen ansehe. Das Blut läuft ihm aus dem Kopf und sammelt sich. Ich habe einen Menschen innerhalb Bruchteilen einer Sekunde aus dem Leben gerissen. Hätten wir eine vernünftige Diskussion führen können? Hätten wir uns konformieren können? Ich habe keine Antwort, plötzlich ist es mir egal, die Zweifel verschwinden abrupt. Ich habe schlagartig kein Interesse mehr an der Frage, so wie Politiker sich den wirklichen Störfaktoren der Gesellschaft entziehen. Eine andere Frage tut sich mir auf. Was ist mit all der Großherzigkeit und all der Rücksichtnahme auf unsere Mitmenschen geschehen? Wo ist nur plötzlich das, wonach sich jeder Mensch sehnt? Will denn nicht jeder sein eigenes Leben in Ruhe und Frieden führen, ohne Angst auf die Straßen gehen und seine Mitmenschen tolerieren? Ist es nicht das, wonach wir alle wirklich suchen?
Vor meinen Augen steht ein vollständig brennendes Mehrfamilienhaus, elfter Stock, auf dem Balkon hält eine verzweifelte Mutter ihr Baby über das Geländer, in der Hoffnung, jemand wird es auffangen. Trotz des enormen Lärms der Krawalle, kann ich den dumpfen Klang vom ungebremsten Aufprall des Kindes hören. Niemand hat das Baby aufgefangen, denn alle sind damit beschäftigt, sich gegenseitig abzuschlachten. Die Mutter schreit ihr Leid in die Freiheit und rennt zurück in die Wohnung, wo die höllischen Flammen sie bereits erwarten. Mir läuft eine winzige Träne über die Wange und ich sehe es endlich ein. Wir befinden uns mitten in einer absoluten Dekadenz.

Wir gewinnen, ihr verliert.
Die Zahl der Toten beider Seiten, die Seiten von gut und böse, die man kaum noch unterscheiden kann, schießt gewaltig in die Höhen und scheint, kein Ende zu definieren. Gewinnen wir denn wirklich? Wenn alles vernichtet ist und alle Menschenleben ausgelöscht wurden, haben wir dann gewonnen?

Ich laufe los, ohne Ziel. Ich schaue mir das beinahe postapokalyptische Szenario weiterhin an und denke darüber nach. Wir gewinnen, ihr verliert.