Sonntag, 11. November 2012

Neuer bester Freund

Eins

Die Tür öffnete sich, ein wenig Fett würde ihr guttun, das Knarren hörte man noch im angrenzenden Raum. Kleine Erdklümpchen lagen auf dem vergilbten PVC-Boden, von Schuhen der Mitarbeiter hineingetragen. Die Luft war nicht die beste, zwei große Fenster im Raum, keins davon geöffnet. Der Mann an der Rezeption starrte auf seinen Computerbildschirm und tippte ab und an ein paar Buchstaben.
Jochen trat hinein und schloss die Tür hinter sich zu. Sein Geruchssin war überwältigt vom dichten, penetranten Gestank in diesem Raum, so dass er ersteinmal die Augen zusammenkniff und Luft zwischen seinen Lippen hindurchpustete und den Kopf zur Seite drehte. Kopfschmerzen hatte er bereits den ganzen Tag und diese scheiß Luft verhalf ihm nicht zur Besserung.
Die Leuchtstoffröhren, die von der Decke hingen und teilweise nur noch ein schwaches, unregelmäßiges Flimmern von sich gaben, erhellten den Raum kaum und schufen eine funebrale statt freudige Atmosphäre. Die Wände waren weiß angelegt, überall angetrocknete Farbreste im Anstrich und Schmutz, der aus dem zylinderförmigen Hohlraum der Farbwalze stammt. Genauso auch die Deckenfläche.
Jochen ging über den rissigen PVC-Boden zu dem Mann, der noch immer auf seinen Bildschirm fixiert war, sich nicht regte, nichts sagte. Jochen stützte sich mit seinen Armen auf den Tresen und räusperte sich, doch auch daraufhin geschah nichts. Der Mann blinzelte nicht einmal mit den Augen, während -was auch immer er dort auf seinem Bildschirm sah- ihn in den Bann der absoluten Starre zog. Jochen klopfte mit den Knöcheln des rechten Zeige- und Mittelfingers auf die Holzplatte des Tresens und fühlte die vollkommene Raue und Splittrigkeit der unbearbeiteten Platte. Er schüttelte den Kopf.
,,Entschuldigen Sie...ˮ
Der Mann hinter dem Tresen riss den Kopf hoch, seine Augen weit auf und starrte Jochen in die Augen, als hätte er ihn erschrecken wollen, doch das zog bei ihm nicht. Seine Sclera war rötlich durchzogen, die Pupillen riesig. Die Haut schien lediglich auf seinem Gesicht zu hängen, die Konturen leicht verzogen, faltig. Seine dünnen Arme, die aus den Ärmeln seines viel zu kurzen Pullovers rausragten, waren vernarbt und von Ausschlägen befallen. Er zitterte mit der linken Hand und zuckte mit dem Kopf in nahezu regelmäßigen Zeitabständen nach rechts.
,,Hmm?ˮ
Jochen rieb sich kurz die Augen und atmete tief durch.
,,Guten Abend, wir hatten telefoniert.ˮ
,,Ja?ˮ
,,Ja.ˮ
Dann geschah nichts. Der Mann schien wieder in der Starre festzusitzen. Kein Zittern, kein Zucken, nichts. Die Stille in diesem Zimmer hatte eine beunruhigende Macht, wenn man so vor diesem Mann stand und er einen anstarrte. Das beeindruckte sogar Jochen.
,,Ahaˮ, sagte der Mann und fing urplötzlich wieder an, zu zittern und wild zu zucken.
Was ist bloß mit diesem Kerl los, dachte sich Jochen, sprach es jedoch nicht an.
,,Heute mittag. Um fünfzehn Uhr sechsunddreißig, um genau zu sein.ˮ
,,Was interessiert mich die genaue Uhrzeit, Arschloch?ˮ, fluchte er und wandelte seinen starren Blick in einen bösen um.
,,Tut mir leid, ich wollte Sie nur daran erinnern. Jedenfalls, ich bin hier wegen...ˮ
,,Ich weiß, warum du hier bist. Komm mitˮ, unterbrach er Jochen und stand auf.
Bevor er den ersten Schritt machte, nahm er sich den Gehstock, der an der Wand hinter seinem Bürostuhl lehnte, und hievte sich Richtung Tür, die auf der rechten Seite des Raums nach draußen führte. Jochen folgte dem alten Mann in den Schnee. Vorbei an einem großen Mann in Gärtneruniform und Regenstiefeln, der eine dunkle Flüssigkeit von einem Behälter in einen anderen goss, gingen sie an den Metallkäfigen entlang. Sie standen alle leer, es war nichts und niemand zu sehen oder zu hören. Die Holzbohlen, die als Boden fungieren sollten, waren vom frischen Schnee bedeckt, an den Gitterstäben hingen kleine, vereinzelte Eiszapfen. Die metallischen Schildchen, auf denen Nummern standen, waren vereist und die Schlösser an den Riegeln zugefroren. Jochen beobachtete jeden einzelnen Käfig genau, sah an den Gittern getrocknete Blutflecken kleben, die von einer Eisschicht überzogen, jedoch noch erkennbar waren.
,,Hier ist das Drecksviehˮ, sagte der Mann und schlug mit dem Gehstock gegen den Käfig, dass es laut schepperte.
Jochen ging auf den Käfig zu und schaute seinem neuen besten Freund tief in die Augen. Sie waren glasig und feucht, sein Blick aussagekräftig. Die Konturen seines Gesichtes ähnelten denen des alten Mannes, heruntergezogen, schwerlastig.
,,Holen Sie ihn raus.ˮ
Der alte Mann schnappte sich die Brechstange, die auf dem Käfig lag, und brach ihn auf.
,,Komm raus, los!ˮ
Der Vierbeiner hievte sich auf die Vorderbeine und brach unter seinem eigenen Gewicht jaulend zusammen. Dieses Geräusch brach Jochen das Herz und er zuckte zusammen.
,,Aaach, immer die gleiche Kacke mit diesen scheiß Viechern.ˮ
Der Mann legte die Brechstange weg, krallte sich unter den Kiefer des Hundes und schleuderte ihn aus dem Käfig gegen den Laternenmast, der sich hinter ihm befand. Die Wucht des Aufpralls bog den Körper des Hundes um den Mast, dann fiel er zu Boden und blieb liegen. Jaunernd, zuckend, die Angst stand ihm in den Augen. Jochen fehlten die Worte, nun war er derjenige, der erstarrte, sich nicht bewegen konnte. Er glaubte, den Schmerz des Hundes spüren zu können, das Leid, die Angst. In seinem Herzen stach dieser Anblick, seine Rippen schienen unter dem Druck seiner Wut im Bauch zu zerbersten. Sein Magen drehte sich, Jochen war entschlossen, das Tier aus diesem Elend zu befreien. Endgültig.
,,Komm, wir gehen zurückˮ, sagte der Mann, packte den Hund an seiner Rute und schliff ihn humpelnd durch den Schnee zurück in das kleine Häuschen, aus dem sie gerade kamen.
Jochen blieb stehen, atmete schwer. Seine geballten Fäuste zitternden unter der Anspannung seines Körpers. Das Fass lief über.
,,Was ist jetzt, verdammte Scheiße? Kommst du oder was?ˮ
Jochen entspannte und drehte sich um.
,,Ja, natürlich. Entschuldigen Sie.ˮ
Der Mann hielt die Rute des Hundes noch immer fest in seiner Hand, der Kopf vergraben im Schnee, seine Kraft reichte nichteinmal aus, um sich zu wehren. Seine großen Augen sahen Jochen an, signalisierten, er solle doch endlich etwas unternehmen. Er jaunerte und fiepte, für den Hund nahm es kein Ende. Schritt für Schritt näherte sich Jochen dem Tierquäler, blieb ruhig und lächelte. Dieser schüttelte nur den Kopf und zog den Hund in das Haus. Als Jochen am Mitarbeiter des Tierheims vorbeilief, sprang ihm sein Grinsen entgegen. Dünn gezogene Lippen, hervorstehende Schneidezähne und schrägstehende Augenbrauen waren alles, was dieses Arschloch dazu beimessen konnte. Jochen blieb neben ihm stehen und lächelte.
,,Guten Abend.ˮ
,,Hallöchenˮ, sagte er und entließ das Grinsen aus seinem Gesicht.
,,Gefällt Ihnen der Job hier?ˮ
,,Nein und ich bin froh, dass diese Scheiße jetzt endlich vorbei ist. Das Drecksvieh war der letzte Köter, mehr haben wir nicht. Du warst bescheuert genug, um dir so ein Ding anzuschaffen, jetzt haben wir unsere Ruhe und alles ist gut.ˮ
,,Ja, es ist vorbei.ˮ
Jochen lächelte den Mann in Uniform an, nickte ein paar Mal und ging mit langsamen Schritten hinter ihn.
,,Naja, ich mach hier noch fertig, dann bin ich wegˮ, sagte er und wandte sich wieder seiner Aufgabe zu.
Ehe er den Behälter mit der dunklen Flüssigkeit berühren konnte, schlug sein Schädel auf die Kante des Tischs, auf dem das ganze Zeug stand, und Jochen drückte ihn mit der linken Hand nach unten. So langsam er konnte, trieb er ihm sein Messer in den Hals. Zentimeter für Zentimeter schob sich die Klinge durch Haut, Fleisch und Sehnen. Das Blut drückte sich dünn an der Klinge empor und floss in Rinnsalen den Hals hinunter. Das Gestöhne des Mannes drang in Jochens Gehörgänge und verleitete ihn dazu, die Klinge mit den Widerhaken noch langsamer hinein zu schieben. Jedes kleine Stück, das das Messer nach unten glitt, brachte ihm die Genugtuung, die er wollte. Das Zappeln, das immer schwächer wurde, das Grunsen und Quieken, das immer leiser wurde. All das brauchte er. Der erste Widerhaken versank in seinem Hals, dann der zweite, der dritte und vierte folgte. Der Mitarbeiter kotzte das Blut über den Tisch. Alles in seinem Körper entspannte sich vollkommen. Der fünfte und letzte Widerhaken versank. Als Jochen das Messer wuchtig wieder rauszog, spritzte ihm das Blut seines Opfers entgegen. Die Widerhaken rissen einen großen Spalt in seinen Hals, das Blut floss in Strömen. Er ließ von ihm ab und sein Körper sank zu Boden. Jochens Atmung geriet für kurze Zeit außer Kontrolle, doch er konnte sich wieder beruhigen. Er wollte nicht die Nerven verlieren. Er war noch nicht fertig.
,,Ja, alles ist gut.ˮ
Er betrat den Raum und sah den alten Mann, wie er wieder vor seinem Bildschirm saß und einfach nur starrte. Das Messer legte er auf den Tresen und räusperte sich. Als der Mann ihn sofort ansah, packte er ihn unter seinem Kiefer, zog ihn über den Tresen und schleuderte ihn gegen die Wand am anderen Ende des Raums. Der dumpfe Schlag vollendete seine Genugtuung nur zu gut. Der alte Mann lag am Boden, wälzte sich hin und her und schrie. Drei tiefe Atemzüge gingen durch Jochens Lungenflügel, er brauchte einen Moment. Der brutale Mix aus Adrenalinstößen und Zufriedenheit machte seinem Kreislauf zu schaffen. Alles drehte sich, sein Kopf fühlte sich tonnenschwer an. Dann sah er den Hund, verkrochen in einer Ecke, noch immer mit dem ängstlichen Blick. Dem Blick des Leidens. Der letzte Atemzug, Jochen schnappte sich sein Messer vom Tresen, lief auf den Mann zu und blieb vor ihm stehen. Von oben schaute er auf diesen Abschaum herab, so etwas widerwärtiges hatte er bisher noch nicht erlebt. Er spuckte ihm ins Gesicht und grinste.
,,Fick dich, du kranker Bastard! Fick dichˮ, schrie der alte Mann und schlug hektisch um sich.
,,Beruhigen Sie sich. Es ist vorbei. Alles ist gutˮ
Jochen hob seinen Arm so hoch es ihm möglich war und stach das Messer mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte in das Gesicht des alten Mannes. Die Klinge schob sich zwischen den Schneidezähnen vorbei in den Rachen und schlitzte Zahnfleisch und Zunge auf. Sofort lief das Blut aus dem Mund und verteilte sich über das Gesicht. Die Augen des Mannes waren geschlossen. Jochen zog es raus und schmetterte es wuchtig durch den Unterkiefer in den Brustkorb. Darauf folgten vier weitere Stiche, die seinen Bauch und die inneren Organe zerfetzten und das Blut sprudeln ließen. Sein Körper glich einem Schlachtfeld. Der Mann war längst tot, als Jochen ihm den letzten Stoß verpasste und die Klinge in seinen Schädel rammte. Dann kehrte vollkommene Ruhe ein. Jochen fühlte sich absolut entspannt, er hatte das Gefühl, nichts könnte ihm mehr etwas anhaben. Nichts. Er stand auf und atmete langsam aus.
,,Der beste Freund des Menschenˮ, sagte er leise und sah zu seinem neuen besten Freund.
Die Qual des Hundes sollte nun ein Ende haben, für immer. Ihm sollte es gut gehen, er sollte keine Sorgen haben. Es war vorbei.
,,Hey, mein Großerˮ, sagte Jochen und hockte sich vor den Hund und streichelte ihm durch sein wuscheliges Haar.
,,Ich werde auf dich aufpassen, dir kann jetzt nichts mehr geschehen, okay? Ich bin dein Freund.ˮ
Der Hund hatte keine Angst vor Jochen. Er fühlte, dass er kein Böser war, und drückte sich fest an ihn. Die Stärke eines Hundes, Dankbarkeit auszudrücken, überwältigte ihn emotional. Ihm liefen die Tränen über die Wangen, als er den Moment genoss, mit seinem Hund zu kuscheln. Für beide war es das schönste Geschenk des Tages.
,,Ich hol dich jetzt erstmal hier raus, mein Großer.ˮ
Jochen packte den Hund unter seinem Bauch und trug ihn aus dem Raum, ohne einen letzten Blick zurück auf sein Massaker zu werfen, ohne noch ein Wort zu sagen. Die Klinge blieb fest eingekeilt im Schädel des verdammten Tierquälers stecken und die neuen besten Freunde traten den Heimweg an.


Zwei

,,Jetzt bist du in Sicherheit, mein Großerˮ, sagte Jochen und streichelte ihm mit der flachen Hand über den Kopf.
Nicht zu fest, seine Haut berührte die kurzen Häärchen nur sanft und glitt langsam über die Wirbelsäule den Rücken entlang, dann wieder von vorne. Seine Augenlider zuckten vor jeder Berührung und er ging in die Knie, gab ein gequältes Fiepen von sich. Sein Fell war zerzaust, die Haare standen zu Berge, waren partiell ausgerissen, die Haut von Narben durchzogen. Er atmete schnell und unkontrolliert, seine Beine zitterten. Jochen gab ihm einen Kuss auf die Stirn und sah ihm tief in die feuchten Augen.
,,Was hat man dir nur angetan?ˮ
Das Alles hatte er schon seit langem geplant. Ein bequemer Hundekorb mit wärmendem Innenfutter stand im Wonhzimmer nicht weit vom Sofa, auf dem Jochen die Nachmittage verbrachte. In der Küche waren zwei Näpfe bereitgestellt, der eine mit Wasser, der andere mit Trockenfutter. Sein neuer bester Freund konnte so viel essen und trinken, wie er nur wollte. Das sollte im neuen Leben des Hundes kein Problem mehr darstellen. Er ging in die Küche, der Hund folgte ihm. Bei jedem Schritt knickte er ein, kniff die Augen kurz zusammen und schnaufte. Es war das linke Vorderbein, dass ihm diese Schwierigkeiten machte. Die großen Fliesen waren durch die Fußbodenheizung bereits aufgewärmt, rechts stand ein Schrank mit einigen Schubladen, darüber zwei doppeltürige Hängeschränke. Am Ende des Raums führte eine Holztür mit zwei quadratischen Glaseinsätzen raus auf die leerstehende Terasse. Links daneben stand der große Kühlschrank. Der Backofen, Herd und die Mikrowelle folgten. In der Mitte stand ein kleiner Holztisch zwischen zwei Barhöckern, an dem Jochen sein tägliches Frühstück genoss. Alles war sauber, der Geruch angenehm.
Aus den Lautsprechern des Radios, das im Küchenschrank integriert war, ertönte die Stimme des Moderators. Er sprach über einen bestialischen Doppelmord in einem Tierheim, das lang als unseriös galt. Es hieß, die beiden Opfer seien abgestochen worden, hätten überall Einstiche eines wohl sehr großen Messers. Jochen musste lächeln als er sich das anhörte.
,,Die Welt ist so grausam, mein Freund. Doch hier bei mir kann dir nichts geschehen.ˮ
Er öffnete die Kühlschranktür und trank einen Schluck Milch aus dem Tetrapack, der neben Orangen- und Grapefruitsaft stand. Jochen wusste eine gesunde Ernährung zu pflegen. Der Hund stürzte sich urplötzlich auf den Wassernapf und saugte ihn regelrecht leer. Sofort goss er frisches Wasser hinein und auch diesmal trank der Hund um sein Leben. Das leckere Futter daneben schien ihn in erster Linie gar nicht zu interessieren, alles was er wollte, war Wasser. Nichts weiter.
,,Trink' nur, mein Freund. Trink'ˮ, sagte Jochen und lächelte die vollkommene Zufriedenheit in den Raum hinein.
Er war von Glückseeligkeit überwältigt, die Tränen kullerten ihm langsam über die Wangen, während er dem Hund beim Trinken zusah.


Drei

Das Blitzlicht fegte über die Leichen, überall waren kleine Nummerschildchen aufgestellt, Männer und Frauen in weißen Overalls liefen umher, packten Gegenstände in Plastiktüten, fotografierten die Räumlichkeiten und Opfer und suchten eifrig nach Fingerabdrücken.
,,Das ist sowas von ekelhaft, manˮ, sagte Polizeikommisar Demmer und sah angewidert die abgeschlachteten Körper an. ,,Ich könnte kotzen!ˮ
Polizeihauptkommisar Schmidtsen schlug ihm leicht auf den Hinterkopf und schaute ihn mit gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Augen an und schüttelte den Kopf.
,,Reißen Sie sich zusammen, Demmer! Wir sind hier nicht zum Spaß, verdammt nochmal.ˮ
,,Aber wer macht denn sowas? Das ist absolut unmenschlich.ˮ
Schmidtsen räusperte sich kurz.
,,Wissen Sie, Demmer. Das was hier mit den Hunden getan wurde, war ebenso unmenschlich.ˮ
Ein Mann der Spurensuche blieb neben ihnen stehen und blätterte in einem kleinen Notizbuch.
,,Aaaalsooo.ˮ
Dann herrschte einen Moment Ruhe. Schmidtsen und Demmer warteten ungeduldig darauf, dass der Mann etwas von sich gab.
,,Ja, was nun?ˮ, sagte Schmidtsen und breitete die Arme aus.
,,Unsere Opfer sind Michael Müsmann, 31 Jahre alt und Wilhelm Hunde, ein sehr passender Nachname, wie ich findeˮ, sagte der Spurensucher und grinste.
,,Wie alt, du Witzbold?ˮ
,,72. Wir haben einige Fingerabdrücke finden können, die Tatwaffe steckt, wie sie sicherlich sehen können, noch im Schädel des Herrn Hunde.ˮ
,,Gut, auswerten und Bescheid geben.ˮ
,,Klar doch.ˮ
,,Keine Zeugen?ˮ, fragte Demmer und kratzte sich am Hinterkopf.
,,Keine Zeugen. Ganz richtig.ˮ
,,Das ist schlecht.ˮ
Schmidtsen lachte kurz, setzte dann aber wieder die böse Miene auf.
,,Wir finden diesen Bastard schon, keine Sorge. Und er wird seine gerechte Strafe bekommen.ˮ
,,Diese zwei hier haben sie ja schon, so wie's aussieht.ˮ
,,Kommen Sie, Demmer. Wie verschwinden von hier.ˮ
Draußen angekommen, ging Demmer schon vor ans Auto und öffnete die Tür. Schmidtsen zündete sich seine letzte Zigarre an und schüttelte den Kopf.
,,So eine Scheißeˮ, sagte er und ging.

Vier

Sechs Monate waren vergangen, die Zeit war gekommen. Nach langer und akkurater Vorbereitung fühlte er sich endlich dazu in der Lage, das Ereignis seines Lebens stattfinden zu lassen. Umhüllt von seinem Bademantel verließ er das Badezimmer und ging den Flur entlang zur Treppe. Er schnippte mit den Fingern im Takt der Melodie, die er laut durch das Treppenhaus pfiff, während er nach unten lief. Sein Hund, den er auf den Namen Buddy taufte, erwartete ihn bereits am Fuß der Treppe und wedelte wild mit der Rute, bellte ein paar Mal und konnte keine Sekunde ruhig stehen. Durch das große Treppenhausfenster schienen die Sonnenstrahlen und offenbarten den in der Luft umherwirbelnden Staub. 32° Grad am Himmel, draußen war die Hölle los. Menschenmassen schlenderten durch die Straßen auf dem Weg in die Einkaufspassagen, zu den großen Seen und den begehrten Eisstilen der Stadt. Jeder unterhielt sich mit jedem, ein unverständliches Gequatsche unter all den lebenslustigen Menschen. Manche lachten, manche unterhielten sich über alltägliche Dinge und die Kids ließen den Lärmpegel erst richtig ansteigen. Aus allen Ecken hörte man ihr Gekreische, das sie beim wilden Umherturnen von sich gaben.
Nach den letzten drei Stufen kam Jochen im Eingangsbereich des Hauses an und streichelte Buddy über den Rücken, er lächelte. Buddy begann, zu hecheln. Er war so aufgeregt und freute sich über das Dasein seines neuen Herrchens, dass er wie ein Flummi durch die Räume sprang, und die Stehlampe neben der Wohnzimmertür zu Boden riss. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich so sehr über sein neues Leben zu freuen. Jochen lachte. Buddy bellte.
,,Ja, ist ja gut, mein Großer. Ich freu' mich auch, dich zu sehenˮ, sagte Jochen und grinste über beide Backen.
Buddy folgte ihm in die Küche und nahm sofort vor seinem Futternapf Platz und wartete. Sein Blick wanderte ständig zwischen Napf und Jochen hin und her, ungeduldig wartete er auf sein Futter. Er bellte ein paar Mal, um Jochen zu signalisieren, er sollte sich verdammt nochmal beeilen. Jochen nahm den transparenten Kunststoffsack aus dem Schrank. Das Etikett des Hundefutterherstellers prankte groß auf der Vorderseite zentriert. Das Logo bestand aus einem Doggenkopf über dem ein Heiligenschein schwebte, der darstellen sollte, welche Rolle der Hund im Leben seines Herrchen spielen sollte. Zudem zeichnete sich ein breites Grinsen über das Gesicht des Hundes, das für die Glückseeligkeit nach der Mahlzeit stand. Darunter in Druckbuchstaben WHAT DOGS DESERVE. Jochen drückte Buddy mit seinem rechten Arm zur Seite, um in Ruhe etwas vom Futter in den Napf zu schütten. Buddy drückte dagegen, streckte den Kopf soweit wie möglich Richtung Futternapf. Der Napf war bis zum Rand voll und Jochen ließ von seinem Hund ab, der daraufhin sofort die Nase in den Berg aus Trockenfutter steckte. Er musste erneut laut loslachen.
,,Du bist ein gieriger Hund, weißt du das?ˮ
Buddy distanzierte sich komplett von der Außenwelt, alles was jetzt noch zählte, war das Futter in seinem Napf. Diesen Moment nutzte Jochen und ging zum Kühlschrank. Der Orangensaft, die Milch und ein Fruchtjoghurt landeten auf dem Holztisch, dazu ein Glas, eine Schüssel und zwei unterschiedlich große Löffel. Er ging zurück und öffnete die kleine Schiebetür des Hängeschranks, der über der Mikrowelle hing, schnappte sich die Müslipackung und stellte sie zu all den anderen Sachen. Dann schaltete er das Radio ein und warf einen kurzen Blick durch das Fenster, durch das er auf die Straße schauen konnte. Er musste lächeln, als er die vielen Kinder sah, wie sie hochmotiviert hin und her rannten und Fangen spielten.
,,Schön.ˮ
Buddy war noch damit beschäftigt, den Napf auszusaugen. Alles war gut, jetzt konnte auch Jochen mit seinem Frühstück beginnen.
Er lauschte dem faszinierenden Klang der Stimme der Sängerin, die im Radio ihr neuestes Lied sang. Sie gehörte zusammen mit ihrer Band zu Jochens Liebelingsinterpreten, er hatte sie schon zwei Mal Live gesehen und hätte jederzeit wieder ein Konzert besuchen wollen, wenn ihm das nötige Geld dazu nicht gefehlt hätte.
Als sich seine Ex-Frau vor sieben Jahren von ihm scheiden ließ, machte er große finanzielle Verluste. Plötzlich fühlte er sich zu Männern hingezogen, er versuchte, seiner damaligen Ehefrau Erklärungen abzugeben, doch sie trennte sich sofort von ihm, hatte wenige Wochen später einen frischen Schwanz im Rachen und kassierte dank ihres Anwalts seine Kohle. Scheiß Justiz, ekelhafte Fotze. Daraufhin stieß er bei Männern nur auf Ablehnung und landete nach dem sechsten Versuch, einen Mann ins Bett zu kriegen und die sexuelle Frustration zu beseitigen, mit drei gebrochenen Rippen und einem blauen Auge im Krankenhaus. Ein schneller Ablauf des vollkommenen Versagens.
Er stellte die leere Schüssel in die Spülmaschine, füllte sein Glas ein letztes Mal mit Orangensaft auf und widmete sich zum Abschluss dem Fruchtjoghurt. Buddy hatte bereits alles aufgefressen und saß hechelnd neben seinem Herrchen.
,,Weißt du, Buddyˮ, sagte Jochen und nahm einen Löffel von seinem Joghurt.
,,Heute ist ein wunderschöner Tag. Die Menschen sind fröhlich, schlagen sich ausnahmsweise mal nicht gegenseitig den Schädel ein. Ist das nicht schön?ˮ
Buddy saß noch immer da und hechelte. Von seiner Zungenspitze fielen dicke Speicheltropfen ab und bildeten auf den Fliesen eine ovale Pfütze. Er sah Jochen in die Augen, versuchte ihn zu hypnotisieren, ein Versuch auf die Chance, den Joghurt zu bekommen. Auf das Gerede reagierte er nicht, er verstand keinen Ton. Er wollte einfach nur diesen Joghurt haben.
,,Ein sehr passender Moment für unser heutiges Ereignis, nicht wahr?ˮ, sagte Jochen und löffelte den restlichen Joghurt aus dem Becher, hielt ihn nach unten und gab Buddy somit endlich die Möglichkeit, den Becher auszuschlecken. Dann warf er ihn in den Müll, trank seinen Orangensaft aus, klatschte in die Hände und rieb sie aneinander.
,,So, wir haben beide ein ausgewogenes Frühstück gehabt. Unser großer Tag kann beginnen, mein Freundˮ, sagte er und streichelte Buddy über den Kopf.
Er verließ die Küche, nachdem er das Radio ausgeschaltet hatte, und lief durch den Flur zur Kellertür. Buddy folgte ihm auf Schritt und Tritt wedelnd und umherspringend. Jochen öffnete die Tür und betätigte den Taster auf der linken Seite. Das schwache Licht, das von den kleinen Lampen an der Decke ausging, öffnete die Sicht auf die Betontreppe, die nach unten zu einem Metallgitter führte, das als Tür fungierte. Bei jedem Schritt des Hundes achtete Jochen darauf, dass sein bester Freund nicht ins Schwanken geraten konnte oder stolperte und hinfiel. Jetzt, so kurz vor seinem Ziel, konnte er keinen Fehler mehr zulassen. In diesem Moment gab er auf den Hund mehr Acht, als er es sich jemals erträumt hätte, tun zu können. Mit der rechten Hand leicht stützend führte er ihn bis runter an das Gitter. Buddy bellte und konnte es kaum erwarten, zu sehen, was sich hinter der Tür befand. Jochen schloss sie auf, öffnete sie nach innen und schaltete das Licht ein.
,,Unser großer Tag kann beginnen, mein Freund.ˮ

Der Boden war staubig, verziert von einigen Flecken diverser Flüssigkeiten, dreckig. Fenster hatte der Raum keine, lediglich ein kleines rundes Loch in der Wand, das nach außen führte. In der Mitte stand ein Tisch aus massivem Holz, der einer Werkbank glich, darüber hingen vier große Fleischerhaken an Ketten, die in der Betondecke fest verankert waren. Dazwischen eine lange Leuchtstoffröhre, die den Tisch beleuchtete. Die Luft war frisch, roch nach der reinen Natur. Nach dem, was Jochen schon sein ganzes Leben mochte.
Buddy machte sich sofort auf den Weg und schnupperte jede Ecke und Kante des Raumes nach Gerüchen ab. Er konnte ein paar seltsame Gerüche entdecken, das Meiste blieb jedoch neutral. Jochen raschelte mit einer kleinen Futtertüte und Buddy kam wie aus dem Nichts angestürmt.
,,Ja, hab ich's doch gewusst. Da kommst du sofortˮ, sagte er und ließ ein paar Stücke des Futters auf den Boden rollen.
Dann legte Jochen die Tüte beiseite, blieb neben seinem Hund stehen und wartete, bis er aufgefressen hatte. Die funkelnden Augen erreichten seinen Blick, ein letztes Mal dachte er an all diese gutgelaunten Menschen vor seiner Haustür, bis er bemerkte, dass er nicht wusste, warum er das tat.
,,Seltsamˮ, sagte er, packte Buddy, wie er ihn im Tierheim gepackt hatte, und hob ihn auf den Holztisch.
Das Wedeln und Zappeln nahm kein Ende, die ganze Aufregung ließ ihn nicht ruhig stehen. Jochen hatte Schwierigkeiten, ihn auf dem Tisch zu behalten, doch es funktionierte. Zwei Meter rechts vom Tisch befand sich ein weiterer, auf dem Messer in verschiedenen Größenordnungen lagen. Ordentlich in einer Reihe auf einer glänzenden, metallischen Unterlage ausgelegt war es nicht möglich, den Überblick über die Werkzeuge zu verlieren. Am Ende des Tischs hingen Vinylhandschuhe und eine Flasche Desinfektionsmittel. Jochen zog sich ein paar Handschuhe über und rieb sie mit dem Desinfektionsmittel ein. Dann streichelte er ihm nochmal sanft über den Rücken und lächelte.
,,Menschen sind so grausamˮ, sagte er und stellte sich hinter Buddy.
Mit der linken Hand packte er sein rechtes Bein und drückte es nach oben. Seine andere Hand umfasste den rostigen Haken und mit aller Kraft schob Jochen die Spitze in Buddys Kruppenmuskel, bis sie weit genug versank, um das Gewicht des Hundes zu halten. Buddy stieß ein schallendes Jaulen aus und versuchte, vom Tisch zu springen, doch der Haken hielt ihn davon ab. Jochen packte das andere Bein und schob den Haken tief in den Muskel, sodass die Hinterbeine des Hundes keinen Kontakt mehr zum Tisch hatten. Er musste aufpassen, Buddy zappelte wild hin und her, schrie, quiekte schon wie ein Schwein. Das Blut floss in dünnen Streifen die Oberschenkel hinunter und tropfte von den Pfoten auf das Holz. Die Vorderbeine schlugen unkontrolliert auf und ab, sein neuer bester Freund versuchte, mit aller Gewalt zu entkommen. Jochen zog seinen Bademantel über die Schultern und ließ ihn auf den Boden gleiten. Sein Blick wanderte von Buddys Hinterteil über den Rücken bis vor zu den zappelnden Pfoten. Er machte zwei Schritte vor, umschloss mit seinem Arm beide Beine und hob ihn hoch. Jetzt musste er alles geben, durfte nicht die Kontrolle verlieren. Buddy bellte und versuchte seinem Herrchen ins Gesicht zu beißen, doch er kam nicht ran. Der Haken bohrte sich langsam in den Armkopfmuskel und versank Zentimeter für Zentimeter im Hals des Hundes. Das Quieken wurde lauter, stach Jochen in den Ohren, er ließ von ihm ab und ging schnell auf die andere Seite. Buddys hektische Bewegungen wurden schwächer, er hatte keine Kraft mehr. Keine Kraft, um aus dieser Scheiße zu entkommen. Ein herausgequältes Schreien und leichtes Zucken blieb alles, was er noch von sich gab. Jochen nutzte die Gelegenheit und trieb ihm nun auch den vierten und letzten Haken in den Hals. Der Hund hing über dem Tisch, Blut tropfte von ihm herab. Ruhe durchströmte den Raum.
,,Sie betrügen dich, benutzen dich. Männer sowie Frauen. Sie sind alle gleich. Monsterˮ, sagte er, schaute ihm dabei in die Augen, aus denen Tränen über das Gesicht kullerten, und öffnete die Schublade, die zu dem Foltertisch gehörte. Er gab Buddy einen Kuss auf die Stirn, zog den Schlitten seiner 9mm Pistole zurück und setzte auf. Das Klacken der Sicherung ertönte und die Kugel riss Buddy mit einem lauten Knall aus dem Leben.
,,Doch du, Buddy. Auf dich kann ich zählen. Du bist der beste Freund des Menschen und der einzige, der mir noch bleibt. Ich liebe dich so sehr.ˮ
Jochen schmiss die Waffe hinter sich und küsste seinen Kopf. Er ging zur Wirbelsäule über, küsste so zärtlich er konnte Rücken und Bauch, bis er am Hinterteil des Hundes angekommen war.
,,Du darfst dich einfach nicht wehren, so ist alles viel leichterˮ, sagte er, zog seine Unterhose aus und stieg auf den Tisch. Sein Penis war steif und aus der Spitze der Eichel tropfte eine schleimige, transparente Flüssigkeit. Das Pochen wurde stärker, er musste beginnen. Jetzt sofort. Jochen drückte sein Becken langsam aber fest nach vorn, um in den Körper des Hundes einzudringen. Die Kälte des toten Inneren schoss durch seinen Penis bis hoch in seinen Kopf. Er begann, die enge Öffnung zu penetrieren und ließ sich einfach fallen. Bei jedem Stoß schwang der Körper nach vorn und wieder zurück, vollkommen leblos. Dieses Gefühl von Macht wollte Jochen nie wieder hinter sich lassen. Nach einigen harten Stößen verteilten sich seine Spermien im Inneren des Tiers und liefen aus dem Anus über den Penis nach unten. Jochen schloss die Augen und genoss.
,,Du wirst es immer bleiben, mein Freund. Für immer... und ewig!ˮ
Er leckte entlang des Penises über den Anus und sammelte seine Spermien im Mund. Dann schluckte er und lächelte.
,,Ja. Alles ist gut.ˮ

Montag, 21. Mai 2012

Narcotic Dreams


Schlachthof.
Winter, Herbst, ich weiß es nicht. Einzig und allein fühle ich die eisige Kälte, die dort draußen -Dreck, Staub, Leere- ihr Unwesen treibt. Durch morsche Türblätter aus feuchtem Holz, umgeben von kahlen Betonmauern, ungepflegt und brüchig, bin ich abgeschnitten von der Außenwelt. All das hat wenig Sinn, hält die Scheißkälte nicht davon ab, zu mir vorzudringen und mich durch meine zitternden Knie in den Arsch zu ficken.
Das Vieh steht vor mir, ich starre in seine feuchten, funkelnden Augen. Es scheint ängstlich. Verunsichert und beunruhigt. Ich denke nicht weiter darüber nach, Ignoranz penetriert, Mitleid gibt es nicht. Ich hege keine Gefühle. Macht sonst auch keiner, Hauptsache, die Menschheit hungert nicht.
Der Schuss fällt, das Vieh geht zu Boden... hier!
Meine Hand ist im Besitz der Machete, die Klinge rostig, getrocknetes Blut verziert das Metall. Wie ein Laie stehe ich dort und nichts geschieht. Was von mir erwartet wird, passiert nicht.
Jetzt!
Dann, völlig unerwartet, schießen die Signale los, mein Körper beginnt, sich fortzubewegen. Die Augen des Viehs sind noch geöffnet. Meine dilettantische Handhabung mit dem Schlachtwerkzeug in meiner Rechten lässt ihn -dem Schlachtmeister persönlich, der Mann ohne Gesicht- lauthals auflachen. Egal! Ich ramme die mörderische Klinge in den Bauch des Viehs und ziehe sie bis zu seinem Hals hinauf. Ich fordere mein gesamtes Energie-Kontingent auf, das Tier von unten bis oben aufzuschlitzen. Der Lebenssaft sprudelt, fließt über meine nackten Füße, die Innereien kullern auf den Boden, es stinkt bestialisch.
Verzerrung, wacklige Beine, Dunkelheit.

Kanal.
Ich krieche durch das grün schimmernde Wasser, meinem Vordermann hinterher, kraule mich durch stinkende Algen. Bin umschlossen von einer Pipeline aus Beton, die scheinbar ins Nichts führen wird. Ich atme, das dreckige Wasser füllt meine Lungen, doch ich verspüre nichts. Keinen Schmerz, keine Not. Ich spüre keine Gefahr, während das Wasser meine Luftröhre flutet. Mit dem Gedanken, dass dieser Kanal nur eine einfache Einbildung sei, ein Traum, kämpfe ich mich weiter durch den schlammigen Grund. Es geht steil aufwärts. Kriechen, Robben, Krabbeln, all das weigert sich entschlossen, mich voranzubringen. Die Pipeline vergrößert sich im Durchmesser, Stück für Stück. Meter für Meter. Meine Finger graben sich regelrecht in den harten Beton, die Fingerkuppen bluten, dünne, schwebende Faden, bestehend aus der wichtigsten Flüssigkeit des menschlichen Körpers, durchziehen die Trübheit des Wassers und weisen mir den Weg in die vermeintliche Freiheit. Den Weg nach oben.
Die Sohlen der Stiefel meines Vordermannes verschwinden plötzlich, doch ich sehe Licht. Dort oben flackert die Wasseroberfläche, ich kann sie erkennen. Ihre klare Schönheit sieht mir entgegen, Motivation beschert meinen Verstand. Nach wenigen Metern erreiche ich das Tor, das mich nach Hause bringen wird, doch was ich letztendlich erkennen muss, setzt meinen konfusen Albtraum lediglich fort.
Seine großen Pranken umschließen die Handgelenke der Leichen, ohne Rücksicht auf die Zerbrechlichkeit dieser Knochen, zieht er die toten Körper aus dem Wasser. Was er ihnen dabei antut, scheint ihn nicht zu interessieren. Das Wasser überschlägt sich und wirft kleine wilde Strudel auf, als der Mann die Leichen gewaltsam ans Licht der Welt reißt, und sie am erdigen Boden des Ufers in den Dreck wirft. Eine erbarmungslose Entsorgung junger Leichen, auch das letzte bisschen Respekt wird ihnen endgültig verwehrt. Ich tauche auf und blicke in die teuflischen Augen der Brutalität. Haben nicht auch Tote das Recht, respektvoll behandelt zu werden?
Nein.
Meine Blicke wandern zwischen den nichtssagenden Augen der Babys und dem Mann, der sie vernichtet, hin und her. Ich erstarre, bewege mich keinen Zentimeter. Was ist los hier? Ich verstehe nichts und vertraue darauf, in einem Albtraum zu stecken, der mich noch nicht gehen lassen will. Das wäre wohl das Beste, denn ein Traum bleibt ein verdammter Traum, und irgendwann werde ich aufwachen und glücklich sein.
Fick dich, Hurensohn!
Fick dich, Traum!
Fickt euch alle!

Dienstag, 3. Januar 2012

La Vida Loca

Er packt mich am Nacken, ich versuche, seinen durchtrainierten Arm wegzustoßen, doch schneller als es mir klar wird, kracht mein Schädel mitten in den gläsernen Aschenbecher, der auf dem Tisch steht. Er drückt meinen Kopf nach unten, ich bin gezwungen, die stinkende Asche zu riechen. Wirklich großartig.

Ich war sehr schnell vom Leben als Fußballfan gezeichnet, die ersten Spiele, die ersten Schläge und Tritte, die ich einstecken musste, waren eine Erfahrung, die ich nie machen wollte, der ich aber plötzlich dankbar sein konnte, dass sie sich mir gezeigt hat. Des öfteren spritzte das Blut in den Staub der Seitengassen, Zähne brachen unter der Wucht des Schlages aus dem Zahnfleisch und Knochen brachen ebenso, wie sich auch die Gehirnzellen nach und nach verabschiedeten. Liebe gestaltete sich in meinem Leben seitdem nur noch gegenüber dem Fußball. Treue war ein Thema, das sich schon bald ausschließlich innerhalb meiner neuen Familie wiederfand.
Das war es, was ich gegenüber meiner alten Familie noch nie aufbringen konnte, ich konnte es ja nicht einmal für sie empfinden. Zu viel Schmerz und Pein begleitete meine Kindheit, die ich größtenteils bewusstlos auf den kalten Fliesen des Küchenbodens verbracht habe, nachdem mein Vater wieder einmal reichlich getrunken hatte. Meine Mutter war jede Nacht arbeiten, sie war 'ne scheiß Nutte, aber brachte wenigstens Geld nach Hause, was ich von meinem Erzeuger nie behaupten konnte.
Ob nächtliche Rundgänge durch die verrauchten Kneipen der Stadt oder kühle Nachmittage im Zyklus der Gewalt, schnell verliebte ich mich und war bereit, jedem die Fresse einzuschlagen, der sich mir quer stellte. Endlich hatte ich mich in einem Lebensstil wiedergesehen, der mir durch und durch gefiel. Ja, das war es. Endlich war ich zu Hause.

Ruhig zu atmen, fällt mir schwer. Mein Schädel brummt, der Stressfaktor ist enorm. Ich reiße die Augen weit auf, keuche und sabbere, mein Speichel vermischt sich mit der teils klebrigen, schwarz-grauen Asche.
,,So soll die Scheiße also ablaufen oder was?"
Ich habe schon einige Schläge abbekommen, dann spüre ich erstmals seinen.

Die Fäuste flogen in alle Richtungen, drei zu eins, unser Verein gewann gegen diese behinderten Flaschen auf der anderen Seite des Spielfeldes. Wir suchten uns nie einen Ort aus, von uns bekam jeder direkt vor dem Stadion auf die Schnauze und wenn es sein musste, auch schon während des Spiels. Die Bullenschweine waren uns egal, wir hatten unseren Spaß und der gestaltete sich besser als jeder Fick. Schnell merkte ich auch das. Die Schlampe konnte noch so geil sein, die Abdrücke der zwei entscheidenden Knöchel im Gesicht des Rivalen waren einen Orgasmus sondergleichen, selbst wenn es mein eigenes Gesicht war, das die Faust spüren durfte. Gewalt war geil, davon war ich überzeugt.
Wir waren Gewalttäter, zweifellos, doch es war ganz einfach nicht nur das Schlagen und Treten in die Visagen anderer. In jedem einzelnen Hieb steckte alles an Wille und Selbstbewusstsein, das wir in uns trugen, und die Auswirkungen waren fulminant. Wir waren Traditionalisten, Virtuosen auf dem wohl schmerzhaftesten Instrument der Welt.

,,Bekomm' ich noch 'ne verfickte Antwort?", schreit er.

Immer hatte ich mir geschworen, nicht den Weg meines Erzeugers einzuschlagen. Ich wollte keine Gewalt und erst recht keinen Alkoholismus und gelandet bin ich im reißenden Strudel des Hasses und im Kreis der Menschen, die für gewöhnlich sehr viel Bier trinken. Hooligans. Doch das war etwas anderes. Ich sah der Loyalität entgegen, ich hatte etwas gefunden, das mir das Gefühl von Wohlbefinden gab, obwohl es nur daraus bestand, immer und immer wieder das Bierglas in die Luft zu strecken, Fußballspiele anzusehen, Gewalt zu propagieren und sie letztendlich hemmungslos anzuwenden. Im hellen Schein der bengalischen Fackeln die Tribüne zum Beben bringen und sich die Seele aus dem Leib zu grölen. Ich war der Einzige, der nach dem üblichen Besäufnis in der Nacht wieder in den frühen Morgenstunden durch die kühlen Straßen der Stadt lief. Wenn wir uns nicht verabredeten, waren alle anderen bis in die Mittagsstunden damit beschäftigt, den Rausch auszuschlafen.

Er zerrt meinen Kopf ein Stück nach oben und schmettert ihn erneut auf den Tisch. Zeitgleich mit dem Aufprall schießen mir ein paar Tränen aus den Augen und laufen mir über die Wange nach unten auf das Holz des Tisches. Meine Augen sind feucht und rot umrandet. Ich stöhne, habe starke Kopfschmerzen.
,,Ich hab' 'ne scheiß Frage gestellt, man!"
Noch immer stottere ich nur rum, kriege kein anständiges Wort zusammen. Er richtet sich auf und schaut seinen Kumpel entgegen.
,,Pff, dieser Wichser scheißt sich mir hier noch ein", sagt er.
Alle lachen laut los.

,,Danke", sagte ich und nahm das Wechselgeld und die beiden Kaffeebecher entgegen.
,,Danke."
,,Wie geht's dir?", fragte ich.
Sie nippte an ihrem Kaffee und schaute mir in die Augen.
,,Hör auf."
,,Was meinst'n du?"
,,Steig aus. Bitte."
,,Ich soll..."
,,Ja", sagte sie abrupt und trank einen Schluck Kaffee.
Ich hielt einen Moment inne, atmete tief durch.
,,Das kann ich nicht."
,,Was?"
,,Ich kann das nicht so einfach, wie du's dir wahrscheinlich vorstellst."
,,Was ist daran bitte so schwer, hä?"
,,Verdammt, du hast keine Ahnung, was abgeht, wenn ich..."
,,Bitte tu's einfach! Du fragst mich, wie's mir geht? Wie soll's mir schon gehen, wenn ich mit dem Kind, das übrigens auch deins ist, zu Hause sitze, und auf dich warte? Wenn ich nie weiß, ob du überhaupt noch wieder zu mir zurückkommst?"
Ich berührte sie sanft am Kinn, sie schlug meine Hand weg und starrte mich an.
,,Sag mir wie!"
,,Verdammte scheiße! Meinst du, für mich ist es einfach? Denkst du das, hä?"
,,Du beschwerst dich allen Ernstes darüber, dass es schwer ist, aufzuhören, diese ganze blöde Scheiße mit deinen asozialen Freunden einfach sein zu lassen? Es hat dich nie jemand gezwungen, überhaupt mit diesem Blödsinn anzufangen!"
,,Blödsinn ist es also. Meine Freunde sind asozial."
,,Ja, willst du das etwa abstreiten?"
,,Du hast nicht die leiseste Ahnung, was mir diese Scheiße, wie du sie nennst, bisher alles gegeben hat, was sie mir immernoch gibt! Ich habe Treue und Liebe erfahren, Zusammenhalt, seine Freunde nie im Stich zu lassen, war die allergrößte Lehre, die sie mir geboten hat. Aber das verstehst du nicht, du hast keine Ahnung."
Plötzlich holte sie aus und schlug mir ihre Hand mit voller Wucht ins Gesicht, so dass ich ein paar Schritte nach hinten machte. Ihr standen die Tränen in den Augen.
,,Wo ist der Mensch, den ich vor sechs Jahren kennengelernt habe? Wo ist der Mensch, den ich liebe?"
,,Was willst du mir damit unterstellen?"
,,Ich bin deine Ehefrau, hast du das vergessen? Du hast etwas bei deinen verfickten Fußballfreunden erfahren, was dir eigentlich die Ehe geben sollte! Ist dir das so gleichgültig?"
Ich bekam keinen einzigen Ton mehr aus mir raus. Ich stand da mit meinem Kaffeebecher in der Hand und starrte meine eigene Ehefrau an und fand einfach keine Worte für sie. Plötzlich wurde mir einiges klar, es war mir peinlich. Das musste definitiv ein Ende haben. Sofort.
,,Weißt du was? Vergiss es einfach. Geh deinen Weg mit deinen Fußballfreunden und sieh zu, was draus wird, okay. Ich kann einfach nicht mehr, verstehst du? Das war's. Du solltest dir 'ne Bleibe suchen, bei mir bleibst du jedenfalls nicht", sagte sie und ging.
Sie drehte sich einfach um und verschwand. Ohne große Überlegungen machte ich mich sofort auf den Weg.

,,Also. Willst du's dir nochmal überlegen oder war's das?"
Das Adrenalin steigt bis an meine verdammte Schädeldecke. Mein Hirn pocht sich zu Tode. Ich schwitze am ganzen Körper und bin bereits klatschnass. Das erste Mal seit langem habe ich wieder Angst vor Schlägen. Diese Angst war besiegt, dachte ich. Er machte mir das Gegenteil klar.
,,Hey! Verdammter Hurensohn, was'n jetzt?"
Sein Griff in meinem Nacken wird immer fester, er kommt immer näher an mein Ohr heran und schreit immer lauter.
,,Ich will 'ne scheiß Antwort, du dreckiger Bastard! Gib' mir endlich eine verfickte Antwort, man!"
,,Mach ihn alle, man."
,,Ja, genau."
,,Soll ich'n Kantholz holen? Haha."
,,Mach ihn schon fertig, auf geht's!"
Plötzlich brüllen alle kreuz und quer ihre scheiß Kommentare durch den Raum. Diese blöden Fotzen, ich hätte es früher wissen müssen.
,,Das nennt ihr also Familie, ihr Pisser?"
Und schlagartig komme ich zu Wort. Das habe ich selbst nicht erwartet, doch es ist passiert. Ich spüre den Mut und die Aggressivität in meinem Inneren. Ich hasse diese verfickten Arschlöcher!
,,Woho, der Herr meldet sich also doch noch zu Wort."
,,Fickt euch alle, ihr Schwuchteln!", schreie ich und bereite mich auf den harten Schlag vor.
Seine Faust schlägt wuchtig ein und bricht mir den Kiefer. Das sind höllische Schmerzen, doch ich kenne das. Dieses Mal ist es allerdings um einiges schlimmer. Das hier ist der Horror.
,,Ich nehm' das als eine Art Austrittserklärung, du Nutte. Oder lieg' ich falsch?"
Ich kann nicht mehr ordentlich sprechen, doch ich mache ihm klar, dass er sich das alles in seinen Arsch stecken kann. Das bringt mir einen weiteren Schlag ein, der den Wangenknochen heftig erwischt.
,,Weißt du was, du kleiner Held? Ich schnappe mir jetzt deine Frau und ficke sie in den Arsch, bis die Hure dran krepiert!"
Er zieht mich hoch und wirft mich regelrecht gegen die Wand. Ich stehe auf und habe sofort den nächsten Schlag sitzen, der mich wieder zu Boden reißt. Sie halten mich fest, ich schreie mir die Seele aus dem Leib, will irgendwie verhindern, dass dieser Wichser meiner Frau etwas antut. Er grinst mir ein letztes Mal hinterhältig ins Gesicht, zündet sich eine Zigarette an und verlässt den Raum. Ich schlage und trete wild um mich, muss irgendwie hier weg, doch ich habe keine Chance. Plötzlich schlagen sie mit Gegenständen auf mich ein, als wäre ich ein beschissener Boxsack. Das war's, ich habe versagt und meine Frau wird darunter leiden. Sollte ich das hier überleben, werde ich mir nie verzeihen können. Das weiß ich.
Es fühlt sich an, als würden sie immer leichter zuschlagen, der Schmerz verschwindet nach und nach. Ich werde gleich bewusstlos sein, meine letzten Gedanken richten sich an meine Frau.

,,Scheiße, das tut mir wirklich leid", sagte ich und hockte mich hin, um ihr zu helfen.
,,Das ist schon in Ordnung, ist ja nichts kaputt gegangen", antwortete sie und fuhr sich mit der Hand leicht durch ihr braunes Haar.
Ich erkannte ihre Ausstrahlung erst, als ich ihr in die Augen schaute. Sie war wunderschön. Das behauptete ich selten von Frauen, die Meisten waren Schlampen, doch sie war anders. Das wusste ich sofort.
,,Geht das wirklich in Ordnung? Ich war ein wenig hektisch, entschuldigung."
,,Ja, machen Sie sich keine Sorgen. Schauen Sie, sogar die Eier sind noch ganz, was will man mehr", sagte sie und lächelte mir entgegen.
Ich erwiderte das Lächeln und sagte ihr meinen Namen.
,,Würden Sie mit mir einen Kaffee trinken gehen? Ich will mich trotzallem bei Ihnen entschuldigen. Irgendwie."
Sie sagte einen Moment lang nichts und lächelte mich einfach nur an. Ich war nervös, wusste nicht, was sie sagen würde.
,,Also?", hakte ich nach, was ich eigentlich nicht für sehr schlau hielt.
,,Gerne."