Dienstag, 3. Januar 2012

La Vida Loca

Er packt mich am Nacken, ich versuche, seinen durchtrainierten Arm wegzustoßen, doch schneller als es mir klar wird, kracht mein Schädel mitten in den gläsernen Aschenbecher, der auf dem Tisch steht. Er drückt meinen Kopf nach unten, ich bin gezwungen, die stinkende Asche zu riechen. Wirklich großartig.

Ich war sehr schnell vom Leben als Fußballfan gezeichnet, die ersten Spiele, die ersten Schläge und Tritte, die ich einstecken musste, waren eine Erfahrung, die ich nie machen wollte, der ich aber plötzlich dankbar sein konnte, dass sie sich mir gezeigt hat. Des öfteren spritzte das Blut in den Staub der Seitengassen, Zähne brachen unter der Wucht des Schlages aus dem Zahnfleisch und Knochen brachen ebenso, wie sich auch die Gehirnzellen nach und nach verabschiedeten. Liebe gestaltete sich in meinem Leben seitdem nur noch gegenüber dem Fußball. Treue war ein Thema, das sich schon bald ausschließlich innerhalb meiner neuen Familie wiederfand.
Das war es, was ich gegenüber meiner alten Familie noch nie aufbringen konnte, ich konnte es ja nicht einmal für sie empfinden. Zu viel Schmerz und Pein begleitete meine Kindheit, die ich größtenteils bewusstlos auf den kalten Fliesen des Küchenbodens verbracht habe, nachdem mein Vater wieder einmal reichlich getrunken hatte. Meine Mutter war jede Nacht arbeiten, sie war 'ne scheiß Nutte, aber brachte wenigstens Geld nach Hause, was ich von meinem Erzeuger nie behaupten konnte.
Ob nächtliche Rundgänge durch die verrauchten Kneipen der Stadt oder kühle Nachmittage im Zyklus der Gewalt, schnell verliebte ich mich und war bereit, jedem die Fresse einzuschlagen, der sich mir quer stellte. Endlich hatte ich mich in einem Lebensstil wiedergesehen, der mir durch und durch gefiel. Ja, das war es. Endlich war ich zu Hause.

Ruhig zu atmen, fällt mir schwer. Mein Schädel brummt, der Stressfaktor ist enorm. Ich reiße die Augen weit auf, keuche und sabbere, mein Speichel vermischt sich mit der teils klebrigen, schwarz-grauen Asche.
,,So soll die Scheiße also ablaufen oder was?"
Ich habe schon einige Schläge abbekommen, dann spüre ich erstmals seinen.

Die Fäuste flogen in alle Richtungen, drei zu eins, unser Verein gewann gegen diese behinderten Flaschen auf der anderen Seite des Spielfeldes. Wir suchten uns nie einen Ort aus, von uns bekam jeder direkt vor dem Stadion auf die Schnauze und wenn es sein musste, auch schon während des Spiels. Die Bullenschweine waren uns egal, wir hatten unseren Spaß und der gestaltete sich besser als jeder Fick. Schnell merkte ich auch das. Die Schlampe konnte noch so geil sein, die Abdrücke der zwei entscheidenden Knöchel im Gesicht des Rivalen waren einen Orgasmus sondergleichen, selbst wenn es mein eigenes Gesicht war, das die Faust spüren durfte. Gewalt war geil, davon war ich überzeugt.
Wir waren Gewalttäter, zweifellos, doch es war ganz einfach nicht nur das Schlagen und Treten in die Visagen anderer. In jedem einzelnen Hieb steckte alles an Wille und Selbstbewusstsein, das wir in uns trugen, und die Auswirkungen waren fulminant. Wir waren Traditionalisten, Virtuosen auf dem wohl schmerzhaftesten Instrument der Welt.

,,Bekomm' ich noch 'ne verfickte Antwort?", schreit er.

Immer hatte ich mir geschworen, nicht den Weg meines Erzeugers einzuschlagen. Ich wollte keine Gewalt und erst recht keinen Alkoholismus und gelandet bin ich im reißenden Strudel des Hasses und im Kreis der Menschen, die für gewöhnlich sehr viel Bier trinken. Hooligans. Doch das war etwas anderes. Ich sah der Loyalität entgegen, ich hatte etwas gefunden, das mir das Gefühl von Wohlbefinden gab, obwohl es nur daraus bestand, immer und immer wieder das Bierglas in die Luft zu strecken, Fußballspiele anzusehen, Gewalt zu propagieren und sie letztendlich hemmungslos anzuwenden. Im hellen Schein der bengalischen Fackeln die Tribüne zum Beben bringen und sich die Seele aus dem Leib zu grölen. Ich war der Einzige, der nach dem üblichen Besäufnis in der Nacht wieder in den frühen Morgenstunden durch die kühlen Straßen der Stadt lief. Wenn wir uns nicht verabredeten, waren alle anderen bis in die Mittagsstunden damit beschäftigt, den Rausch auszuschlafen.

Er zerrt meinen Kopf ein Stück nach oben und schmettert ihn erneut auf den Tisch. Zeitgleich mit dem Aufprall schießen mir ein paar Tränen aus den Augen und laufen mir über die Wange nach unten auf das Holz des Tisches. Meine Augen sind feucht und rot umrandet. Ich stöhne, habe starke Kopfschmerzen.
,,Ich hab' 'ne scheiß Frage gestellt, man!"
Noch immer stottere ich nur rum, kriege kein anständiges Wort zusammen. Er richtet sich auf und schaut seinen Kumpel entgegen.
,,Pff, dieser Wichser scheißt sich mir hier noch ein", sagt er.
Alle lachen laut los.

,,Danke", sagte ich und nahm das Wechselgeld und die beiden Kaffeebecher entgegen.
,,Danke."
,,Wie geht's dir?", fragte ich.
Sie nippte an ihrem Kaffee und schaute mir in die Augen.
,,Hör auf."
,,Was meinst'n du?"
,,Steig aus. Bitte."
,,Ich soll..."
,,Ja", sagte sie abrupt und trank einen Schluck Kaffee.
Ich hielt einen Moment inne, atmete tief durch.
,,Das kann ich nicht."
,,Was?"
,,Ich kann das nicht so einfach, wie du's dir wahrscheinlich vorstellst."
,,Was ist daran bitte so schwer, hä?"
,,Verdammt, du hast keine Ahnung, was abgeht, wenn ich..."
,,Bitte tu's einfach! Du fragst mich, wie's mir geht? Wie soll's mir schon gehen, wenn ich mit dem Kind, das übrigens auch deins ist, zu Hause sitze, und auf dich warte? Wenn ich nie weiß, ob du überhaupt noch wieder zu mir zurückkommst?"
Ich berührte sie sanft am Kinn, sie schlug meine Hand weg und starrte mich an.
,,Sag mir wie!"
,,Verdammte scheiße! Meinst du, für mich ist es einfach? Denkst du das, hä?"
,,Du beschwerst dich allen Ernstes darüber, dass es schwer ist, aufzuhören, diese ganze blöde Scheiße mit deinen asozialen Freunden einfach sein zu lassen? Es hat dich nie jemand gezwungen, überhaupt mit diesem Blödsinn anzufangen!"
,,Blödsinn ist es also. Meine Freunde sind asozial."
,,Ja, willst du das etwa abstreiten?"
,,Du hast nicht die leiseste Ahnung, was mir diese Scheiße, wie du sie nennst, bisher alles gegeben hat, was sie mir immernoch gibt! Ich habe Treue und Liebe erfahren, Zusammenhalt, seine Freunde nie im Stich zu lassen, war die allergrößte Lehre, die sie mir geboten hat. Aber das verstehst du nicht, du hast keine Ahnung."
Plötzlich holte sie aus und schlug mir ihre Hand mit voller Wucht ins Gesicht, so dass ich ein paar Schritte nach hinten machte. Ihr standen die Tränen in den Augen.
,,Wo ist der Mensch, den ich vor sechs Jahren kennengelernt habe? Wo ist der Mensch, den ich liebe?"
,,Was willst du mir damit unterstellen?"
,,Ich bin deine Ehefrau, hast du das vergessen? Du hast etwas bei deinen verfickten Fußballfreunden erfahren, was dir eigentlich die Ehe geben sollte! Ist dir das so gleichgültig?"
Ich bekam keinen einzigen Ton mehr aus mir raus. Ich stand da mit meinem Kaffeebecher in der Hand und starrte meine eigene Ehefrau an und fand einfach keine Worte für sie. Plötzlich wurde mir einiges klar, es war mir peinlich. Das musste definitiv ein Ende haben. Sofort.
,,Weißt du was? Vergiss es einfach. Geh deinen Weg mit deinen Fußballfreunden und sieh zu, was draus wird, okay. Ich kann einfach nicht mehr, verstehst du? Das war's. Du solltest dir 'ne Bleibe suchen, bei mir bleibst du jedenfalls nicht", sagte sie und ging.
Sie drehte sich einfach um und verschwand. Ohne große Überlegungen machte ich mich sofort auf den Weg.

,,Also. Willst du's dir nochmal überlegen oder war's das?"
Das Adrenalin steigt bis an meine verdammte Schädeldecke. Mein Hirn pocht sich zu Tode. Ich schwitze am ganzen Körper und bin bereits klatschnass. Das erste Mal seit langem habe ich wieder Angst vor Schlägen. Diese Angst war besiegt, dachte ich. Er machte mir das Gegenteil klar.
,,Hey! Verdammter Hurensohn, was'n jetzt?"
Sein Griff in meinem Nacken wird immer fester, er kommt immer näher an mein Ohr heran und schreit immer lauter.
,,Ich will 'ne scheiß Antwort, du dreckiger Bastard! Gib' mir endlich eine verfickte Antwort, man!"
,,Mach ihn alle, man."
,,Ja, genau."
,,Soll ich'n Kantholz holen? Haha."
,,Mach ihn schon fertig, auf geht's!"
Plötzlich brüllen alle kreuz und quer ihre scheiß Kommentare durch den Raum. Diese blöden Fotzen, ich hätte es früher wissen müssen.
,,Das nennt ihr also Familie, ihr Pisser?"
Und schlagartig komme ich zu Wort. Das habe ich selbst nicht erwartet, doch es ist passiert. Ich spüre den Mut und die Aggressivität in meinem Inneren. Ich hasse diese verfickten Arschlöcher!
,,Woho, der Herr meldet sich also doch noch zu Wort."
,,Fickt euch alle, ihr Schwuchteln!", schreie ich und bereite mich auf den harten Schlag vor.
Seine Faust schlägt wuchtig ein und bricht mir den Kiefer. Das sind höllische Schmerzen, doch ich kenne das. Dieses Mal ist es allerdings um einiges schlimmer. Das hier ist der Horror.
,,Ich nehm' das als eine Art Austrittserklärung, du Nutte. Oder lieg' ich falsch?"
Ich kann nicht mehr ordentlich sprechen, doch ich mache ihm klar, dass er sich das alles in seinen Arsch stecken kann. Das bringt mir einen weiteren Schlag ein, der den Wangenknochen heftig erwischt.
,,Weißt du was, du kleiner Held? Ich schnappe mir jetzt deine Frau und ficke sie in den Arsch, bis die Hure dran krepiert!"
Er zieht mich hoch und wirft mich regelrecht gegen die Wand. Ich stehe auf und habe sofort den nächsten Schlag sitzen, der mich wieder zu Boden reißt. Sie halten mich fest, ich schreie mir die Seele aus dem Leib, will irgendwie verhindern, dass dieser Wichser meiner Frau etwas antut. Er grinst mir ein letztes Mal hinterhältig ins Gesicht, zündet sich eine Zigarette an und verlässt den Raum. Ich schlage und trete wild um mich, muss irgendwie hier weg, doch ich habe keine Chance. Plötzlich schlagen sie mit Gegenständen auf mich ein, als wäre ich ein beschissener Boxsack. Das war's, ich habe versagt und meine Frau wird darunter leiden. Sollte ich das hier überleben, werde ich mir nie verzeihen können. Das weiß ich.
Es fühlt sich an, als würden sie immer leichter zuschlagen, der Schmerz verschwindet nach und nach. Ich werde gleich bewusstlos sein, meine letzten Gedanken richten sich an meine Frau.

,,Scheiße, das tut mir wirklich leid", sagte ich und hockte mich hin, um ihr zu helfen.
,,Das ist schon in Ordnung, ist ja nichts kaputt gegangen", antwortete sie und fuhr sich mit der Hand leicht durch ihr braunes Haar.
Ich erkannte ihre Ausstrahlung erst, als ich ihr in die Augen schaute. Sie war wunderschön. Das behauptete ich selten von Frauen, die Meisten waren Schlampen, doch sie war anders. Das wusste ich sofort.
,,Geht das wirklich in Ordnung? Ich war ein wenig hektisch, entschuldigung."
,,Ja, machen Sie sich keine Sorgen. Schauen Sie, sogar die Eier sind noch ganz, was will man mehr", sagte sie und lächelte mir entgegen.
Ich erwiderte das Lächeln und sagte ihr meinen Namen.
,,Würden Sie mit mir einen Kaffee trinken gehen? Ich will mich trotzallem bei Ihnen entschuldigen. Irgendwie."
Sie sagte einen Moment lang nichts und lächelte mich einfach nur an. Ich war nervös, wusste nicht, was sie sagen würde.
,,Also?", hakte ich nach, was ich eigentlich nicht für sehr schlau hielt.
,,Gerne."